Alternative Formen der Leistungsbeurteilung

Für eine Förderdiagnostik wird eine große Vielfalt an Formen der Leistungserfassung und Rückmeldung benötigt. Eine einseitige Ermittlung der Lernleistung führt zu einem einseitigen Bild der Leistungsentwicklung. Praktische und kooperative Fähigkeiten sind mögliche Lernziele, die über die gängige Prüfungsform der Wissensabfrage kaum angemessen zu erfassen sind. Im Folgenden werden einige alternative Formen der Leistungserfassung, Beurteilung und Rückmeldung vorgestellt.
Portfolios
Kooperativ erbrachte Leistungen
Selbstbeurteilung
Verbalzeugnisse

Portfolios

Mit Portfolios lassen sich Leistungen breit erfassen, gerade auch im praktischen Bereich. Sie haben den weiteren Vorteil, als abschließendes Gesamtprodukt einer Lerneinheit die erbrachten Leistungen direkt sichtbar zu machen. Schüler/innen sammeln bei dieser Methode über einen bestimmten Zeitraum z.B. eine Auswahl ihrer lernzielrelevanten Ergebnisse in einer Mappe. Portfolios können so auch den Lernfortschritt sichtbar machen. Bezüglich der Gestaltung bietet sich zur Eröffnung des Portfolios ein Willkommensbrief an, gefolgt von einem Inhaltsverzeichnis, welches, wenn nötig, auch knappe Bemerkungen zu den einzelnen enthaltenen Werken beinhalten kann. Die weitere Struktur der Mappe sollte einfach und übersichtlich gehalten sein. Es ist möglich, kritische Reflektionen der Lernenden über die Werke einzubinden. Auf diese Weise wird auch eine zentrale Funktion des Portfolios gestärkt: die Anregung zu Selbstreflektion und Selbstbeurteilung (Baume, 2001). Die übersichtliche Sammlung aller Leistungen eines Zeitraumes ermöglicht einen analytischen Rückblick und macht noch vorhandene Lücken leicht ersichtlich, so dass sich neue Ziele und Maßnahmen ableiten lassen. Vorstellungskonferenzen, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler ihre Portfolios gegenseitig präsentieren, können weiterhin für die Reflektion über den Lernprozess in der gesamten Lerngruppe genutzt werden (Sacher, 2014).

Kooperativ erbrachte Leistungen

Kooperativ erbrachte Leistungen stellen für die Beurteilung der individuellen Leistungen der Gruppenmitglieder eine große Herausforderung dar. Während viele gruppenbasierte Unterrichtsmethoden weithin bekannt sind, fällt die Bewertung aufgrund der komplizierten Identifikation der Beiträge einzelner Mitglieder meist schwer (s.a. Bewertung von Gruppenarbeiten). Eine individuelle Bewertung ist dabei jedoch oft wünschenswert, da hierdurch zum einen die Relevanz der Arbeitsform ausgedrückt wird, und zum anderen Kompetenzen wie Team- und Präsentationsfähigkeiten sichtbar werden, die in anderen Arbeitsformen verborgen bleiben. Es ist bei der Bewertung erstrebenswert, dem kooperativen Charakter der Lernaktivität nicht entgegenzuwirken. Dies würde z.B. geschehen, wenn Konkurrenz zwischen den Mitgliedern hervorgerufen wird. Individuelle Leistungen lassen sich teilweise durch Lehrkraftbeobachtungen der Arbeitsphasen sowie Selbstbeobachtung der Lernenden erfassen. Alternativ kann auch nur die Ergebnispräsentation durch ein einzelnes Gruppenmitglied oder die Erläuterung einzelner Aspekte der Arbeit durch die Gruppenmitglieder bewertet werden. Meist ist eine angemessene Bewertung einer individuellen Leistung in kooperativen Arbeitsformen nur durch intensive Kommunikation zwischen Lehrkraft und Schüler/in zu erreichen. Die Selbstbewertung durch die Schüler/innen, etwa in Form von Reflexionsbögen, Arbeitsprozessberichten oder ausführlichen Abschlussbesprechungen, hat hierbei besondere Bedeutung (Sacher, 2014).

Selbstbeurteilung

Die Selbstbeurteilung durch die Lernenden ist z.B. in Portfolios oder bei Gruppenarbeiten ein wichtiger Baustein. Schülerinnen und Schüler lernen effektiver und motivierter, wenn ihnen die Lernziele klar sind und in der Diskussion der eigenen Bewertung mit der Lehrkraft Selbstreflektion angeregt und gelernt wird (Black & William, 1998). Selbstbeurteilung ist damit ein zentraler Bestandteil der Förderdiagnostik (Jones, 2005; s.a. Förderdiagnostik). Die geschulte Bewertung der eigenen Leistung stärkt unter anderem die Aufmerksamkeit für die Struktur der eigenen Lernprozesse, verbessert metakognitive Fähigkeiten, führt zu einer höheren Akzeptanz von Lehrkraftbeurteilungen und dem Sichtbarwerden von Lernprozessen für die Lehrkraft (Sacher, 2014). Ziel der Selbstbeurteilung ist dabei, eigenes zukünftiges Lernen besser zu gestalten. Verbale Selbstbeurteilungen sind hierfür hilfreicher als Ziffernnoten.
Damit Selbstbeurteilung gelingen kann, muss sie erlernt werden. Es bietet sich an, die Beurteilung eigener Leistungen möglichst früh zu üben, anfangs noch mit Unterstützung der Lehrkraft. Qualitätskriterien für die Selbstbeurteilung, etwa das Anlegen einer individuellen oder kriterialen Bezugsnorm, sind nicht unbedingt intuitiv bei den Lernenden vorhanden. Ein Zwischenschritt für das Erlernen der Selbstbeurteilung kann die begleitete Beurteilung der Schülerleistungen untereinander sein.
Im Folgenden werden kurz einige beispielhafte Methoden der Selbstbeurteilung vorgestellt:
  • In Störstellenanalysen werden die eigenen Fehler über einen längeren Zeitraum systematisch dokumentiert und analysiert. Lernerfolg zeigt sich in der Reduktion von anfänglichen Fehlern im Laufe der Zeit. Im ersten Schritt werden die Lernenden für mögliche Fehler sensibilisiert. Hiernach werden gemachte Fehler reflektiert, indem sie klassifiziert und ursächlich untersucht werden. Auf dieser Basis werden Maßnahmen zur Vermeidung der Fehler abgeleitet und umgesetzt, welche im letzten Schritt auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Die Schritte können beispielsweise mittels Fehlerlisten, die über einen längeren Zeitraum geführt werden, umgesetzt werden.
  • In Lerntagebüchern werden Lernfortschritte, Erfahrungen und Probleme beim Lernprozess schriftlich festgehalten. Das Tagebuch kann dann die Grundlage für Gespräche mit Lehrkräften über den Lernfortschritt sein. Lehrkräfte erhalten hierbei Einblicke in die individuellen Verstehensprozesse und Lernwege der Schüler/innen.
  • Auch bei der Kombination von Selbst- und Lehrerbeurteilung ist das Ziel die Kommunikation über Leistungen. Hierbei wird eine Arbeit schrittweise von Mitschülern, der Lehrkraft und den Lernenden selbst beurteilt, stets gefolgt von einer Reflexion und Überarbeitung (Sacher, 2014).

Verbalzeugnisse

Verbalzeugnisse sind eine der Förderdiagnostik besonders angemessene Form der Leistungsrückmeldung. In Verbalzeugnissen können mehr Informationen zu Leistungsprofil und -entwicklung vermittelt werden als in Ziffernzeugnissen. Zudem ist eine Formulierung möglich, welche kriteriale und individuelle Bezugsnormen betont (s.a. Einflussfaktoren auf die Notenvergabe). Jedoch bringt ein Ersatz von Ziffernzensuren durch Verbalzeugnisse an sich noch keinen garantierten Vorteil, dieser entsteht lediglich bei lernförderlicher Umsetzung und entsprechender Unterrichtsgestaltung. Das Zeugnis kann an die Eltern oder die Schüler/innen selbst gerichtet formuliert werden, wobei letzteres im Kontext der Förderdiagnostik besonders angebracht ist. Bezüglich der weiteren Gestaltung sind im Folgenden einige Hinweise aufgelistet:
  • Verbalzeugnisse können nicht nur Fachleistungen enthalten, sondern auch Informationen über Lernprozesse und Persönlichkeitsentwicklung. Insbesondere können Anregungen zu Sozialverhalten und Lern- und Arbeitsverhalten gegeben werden.
  • Formulierungen bezüglich Verhaltensweisen sind meist hilfreicher als solche, die auf Persönlichkeitseigenschaften der Lernenden abzielen. Letztere haben schnell Etikettencharakter und sollten daher unbedingt vermieden werden, während Verhaltensbeschreibungen und insbesondere präzise Verhaltensvorschläge Ansätze zur Korrektur liefern können. Vergleiche mit anderen Schüler/innen sowie Negativprognosen sind generell zu vermeiden. Lernförderlich ist hingegen, Lernverhalten und Lernerfolg getrennt zu beschreiben sowie aufzuzeigen, wo Diskrepanzen zwischen erbrachten Leistungen und Lernzielen bestehen und wie sich diese verringern lassen.
  • Eine Bewertung der Leistung nach festen Kriterien und Regeln führt zu einer höheren Transparenz und Fairness von Verbalzeugnissen. Sie stellt sicher, dass alle Schüler/innen auf den gleichen Dimensionen bewertet werden. So wird Beliebigkeit und Ungleichbehandlung vermieden.
  • Die Grundlage von Verbalzeugnisses ist die gründliche Erfassung von Entwicklungsverläufen durch systematische Beobachtung und Dokumentation (s.a. Bewertung mündlicher Mitarbeit). Die Qualität des Zeugnisses ist in hohem Maße abhängig von der Qualität der zugrundeliegenden Daten (Sacher, 2014).
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